Die US-Regierung bereitet nach einem aktuellen Bericht ein Schreiben an ihre Partnerländer vor, das eine klare Festlegung im KI-Wettstreit mit China verlangt. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte den Entwurf eines Schreibens des US-Außenministeriums einsehen. Adressiert ist er an die 35 Unterzeichner des „AI Opportunity Statement“ vom Juni 2026, darunter auch die Mitglieder der US-geführten Pax-Silica-Koalition. Der Kernsatz des Entwurfs: „Überall dabei zu sein heißt, nirgends dabei zu sein.“ Wer der chinesischen KI-Organisation “World Artificial Intelligence Corporation Organization” (WAICO) beitritt, verliert demnach seinen Platz im amerikanischen Bündnis und damit den Zugang zu gemeinsamen Investitionsprojekten, Halbleiter-Lieferketten und Cloud-Ressourcen. Das US-Außenministerium wollte den geleakten Entwurf nicht kommentieren. Wann das Schreiben verschickt wird und ob es vorher noch geändert wird, ist offen.
Auslöser ist offenbar Kasachstan: Das Land trat im Juni 2026 als wichtiger Rohstofflieferant der Pax-Silica-Initiative bei und wurde kurz darauf Gründungsmitglied der chinesischen Gegenorganisation. Genau diese Doppelmitgliedschaft will Washington künftig unterbinden.
Zwei Blöcke, zwei Strategien
Pax Silica wurde im Dezember 2025 unter Führung des US-Außenministeriums ins Leben gerufen. Die Koalition soll die gesamte Lieferkette der KI absichern, vom Abbau kritischer Mineralien über die Halbleiterfertigung bis hin zu Rechenzentren. Mitglieder wie Japan, Südkorea, Singapur, die Niederlande, Deutschland, Israel, Großbritannien und Australien gleichen dafür ihre Exportkontrollen ab und prüfen ausländische Investitionen strenger. Im Gegenzug erhalten sie Zugang zu gemeinsamen Investitionen und Abnahmeverträgen. Indien kam im Februar 2026 dazu, die EU unterzeichnete im Juni 2026.
China antwortete im Juli 2026 mit der Gründung der World Artificial Intelligence Cooperation Organization (WAICO), die Xi Jinping in Shanghai vorstellte. Zu den 29 Gründungsmitgliedern zählen unter anderem Brasilien, Indonesien, Südafrika und Russland. Peking setzt dabei auf einen anderen Hebel als Washington: frei verfügbare Open-Weights-Modelle, die jeder herunterladen und auf eigener Hardware betreiben kann. Das kurz vor der WAICO-Gründung veröffentlichte Modell Kimi K3 von Moonshot AI erreichte in Benchmarks Werte knapp hinter den führenden US-Modellen, und das bei einem Bruchteil der Betriebskosten.
Im Frühjahr 2026 entfielen 41 Prozent aller Modell-Downloads auf der Plattform Hugging Face auf chinesische Modelle. In dieser Kennzahl liegt China damit erstmals vor den USA.
Abbildung: Anzahl Downloads von KI-Modellen in Hugging Face nach Ländern
Ist das eine Bedrohung für Unternehmen, die KI einsetzen?
Ja, auch wenn der genannte Brief selbst nur der sichtbarste Teil davon ist. Der eigentliche Druck entsteht durch die Politik dahinter: Beide Regierungen behandeln KI-Infrastruktur inzwischen als sicherheitspolitisches Druckmittel. Für Firmen, die Sprachmodelle in Kundenservice, Datenanalyse oder Softwareprodukte eingebaut haben, ergeben sich daraus vier absehbare Risiken.
1. Abschaltung von API-Zugängen
Wie schnell ein KI-Zugang wegfallen kann, zeigte der Juni 2026: Eine Notfall-Exportkontrollrichtlinie der US-Regierung untersagte ausländischen Nutzern abrupt den Zugriff auf die fortschrittlichsten Modelle von Anthropic. Betroffene Firmen und Behörden standen ohne Vorwarnung vor abgeschalteten Diensten. Im US-Kongress liegt parallel ein Gesetzentwurf, der der Regierung dauerhaft die Befugnis geben soll, den Zugriff auf fortgeschrittene Modelle zentral zu sperren. Wer seine Kernprozesse fest mit einer einzelnen US-Schnittstelle verdrahtet hat, trägt dieses grundlegende Risiko mit.
2. Strengere Prüfpflichten in der Cloud
Das US-Handelsministerium untersucht derzeit das sogenannte „Remote Access Loophole“: Chinesische KI-Firmen mieten Rechenleistung in Drittländern wie Malaysia, weil sie die Hochleistungschips selbst nicht kaufen dürfen. Geplante Regeln würden Cloud-Anbieter weltweit zu Identitätsprüfungen ihrer Kunden und zu Geoblocking verpflichten. Für gewöhnliche Cloud-Kunden bedeutet das absehbar mehr Dokumentationsaufwand. Sie müssen belegen können, wo ihre Instanzen laufen und wer Zugriff darauf hat. Andernfalls riskieren sie die Kündigung durch den Provider, der um seine eigenen Hardware-Zuteilungen fürchtet.
3. Sanktionsrisiken bei chinesischen Open-Weight-Modellen
US-Finanzminister Scott Bessent warf der chinesischen KI-Forma Moonshot AI im Juli 2026 Diebstahl geistigen Eigentums vor. Der Vorwurf: Modelle wie Kimi K3 seien per Destillation am Output amerikanischer Modelle trainiert worden. Bessent stellte Sanktionen gegen die Entwickler in Aussicht.
Träfen solche Sanktionen ein Modell, das ein europäisches Unternehmen kommerziell einsetzt, drohen juristische Folgen bis hin zu Sekundärsanktionen und der Verlust des US-Marktzugangs. Verlässlich ist die andere Seite allerdings auch nicht: Peking prüft laut Reuters, ob ausländische Nutzer vom Zugang zu den modernsten chinesischen Modellen ausgeschlossen werden sollen. Firmen können also von beiden Seiten getroffen werden.
4. Herkunftsnachweise in der Lieferkette
Die Pax-Silica-Staaten harmonisieren Exportkontrollen und prüfen die Herkunft von Hardware und Kapital. Es zeichnet sich ab, dass große westliche Konzerne und öffentliche Auftraggeber solche Anforderungen an ihre Zulieferer weiterreichen. Wer Server, Chips oder KI-Dienste unklarer Herkunft im Einsatz hat, könnte bei Ausschreibungen und Lieferketten-Audits durchfallen, ganz ohne selbst Adressat einer Sanktion zu sein.
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Wo Europa steht
Die EU gehört seit Juni 2026 zu den Unterzeichnern der Pax-Silica-Erklärung. Kritiker bemängeln, dass dieser Schritt ohne Debatte im Europäischen Parlament und ohne veröffentlichte Folgenabschätzung erfolgte. Parallel baut Europa an eigener Infrastruktur: Das im Frühjahr 2026 vorgestellte Projekt EURO-3C, getragen von über 70 Einrichtungen unter Führung von Telefónica, soll eine föderierte europäische Cloud- und Edge-Infrastruktur mit über 70 Knotenpunkten in 13 Ländern schaffen. Der geplante Industrial Accelerator Act verschärft Ursprungsregeln und Investitionsprüfungen, erfasst aber nur physische Güter. Bei Software und KI-Basismodellen bleibt die Abhängigkeit von US-Anbietern bestehen.
Was Unternehmen jetzt tun können
Modelle austauschbar machen
Eine Abstraktionsschicht (LLM-Router oder Middleware) zwischen den eigenen Anwendungen und dem Sprachmodell erlaubt den Anbieterwechsel, ohne den Code der Anwendungen anzufassen. Fällt eine US-Schnittstelle durch Exportkontrollen aus, übernimmt ein europäisches Modell wie Mistral oder eine lokal gehostete Instanz. Diese Redundanz kostet wenig, solange kein Ernstfall eintritt, und entscheidet im Ernstfall über die Geschäftskontinuität.
Kritische Workloads unter eigene Kontrolle bringen
Open-Weight-Modelle laufen auf eigener Hardware. Sensible Daten verlassen damit das Haus nicht, und kein ausländischer Anbieter kann den Dienst von außen abschalten. Firmen ohne eigene Serverkapazität können auf europäisch regulierte Angebote ausweichen, wie sie mit EURO-3C entstehen. Vor der Auswahl eines konkreten Modells gehört allerdings ein juristischer Blick auf dessen Herkunft, siehe Punkt drei oben.
Herkunft der eigenen KI-Landschaft dokumentieren
Welche Modelle stecken in welchen Prozessen, wer hat sie trainiert, auf welchen Servern laufen sie, woher stammt die Hardware? Ein solches Inventar deckt Klumpenrisiken auf und ist die Grundlage, um auf neue Nachweispflichten reagieren zu können, ohne jedes Mal von vorn zu beginnen.
Für global tätige Firmen: getrennte IT-Räume einplanen
Wer in China und im Westen Geschäft macht, kommt auf Dauer kaum um zwei getrennte Technik-Stacks herum: westliche Modelle und Clouds für das eine Geschäft, lokale Infrastruktur für das andere. Ein Mischbetrieb, etwa über Umwege bezogene US-Chips in Asien, erhöht das Sanktionsrisiko für das gesamte Unternehmen.
Einordnung
Eine klare Richtung ist seit Monaten erkennbar: Die Weltwirtschaft sortiert sich in zwei Technik-Blöcke, und KI rückt damit in dieselbe Kategorie wie Chips und Rohstoffe: als Lieferkettenrisiko mit politischem Hebel. Unternehmen sollten ihre Abhängigkeiten kennen und Ausweichwege eingeplant haben, bevor ein Zugang gekappt wird. Danach ist es zu spät.
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