Die Finanzmärkte wurden gerade wieder von einer massiven Verkaufswelle erschüttert. Dahinter steckt der „AI Scare Trade" und damit die Angst vor der disruptiven Kraft der KI. Die Folge waren branchenweite Kurseinbrüche.
Nachdem in den vergangenen Wochen die Aktienkurse vieler Softwareunternehmen bereits stark unter Druck geraten waren – die Rede ist hier von der sogenannten SaaSpocalypse – gab es zu Beginn dieser Woche wieder deutliche Kursverluste. Der Auslöser ist eine Kombination aus einem fiktiven wirtschaftlichen Szenario und konkreten technologischen Fortschritten.
Ein bisher wenig bekanntes Forschungsunternehmen namens Citrini Research veröffentlichte am Wochenende einen Bericht mit dem Titel „The 2028 Global Intelligence Crisis". Dabei handelt es sich um ein detailliertes Gedankenspiel aus der Perspektive des Jahres 2028, das beschreibt, wie KI-Agenten Arbeitslosigkeit bei Büroangestellten auslösen, den Konsum schwächen und Geschäftsmodelle zerstören, die auf menschlicher Vermittlung basieren.
Den Ausgangspunkt im fiktiven Bericht bildet die Software-Branche, in der neue KI-Programmierwerkzeuge die Margen etablierter Anbieter zerstören und Unternehmen zu massiven Entlassungen zwingen, um die eingesparten Mittel wiederum in KI-Technologien zu investieren. Diese Entwicklung weitet sich schnell zu einer branchenübergreifenden Abwärtsspirale aus, in der autonome KI-Agenten die Geschäftsmodelle sämtlicher Vermittler wie Lieferdiensten, Immobilienmaklern und Versicherungen sowie von Zahlungsdienstleistern zerstören. Die Agenten optimieren Preise gnadenlos, zeigen keine Markenbindung und umgehen teure Transaktionsgebühren.
Fast zeitgleich veröffentlichte Anthropic einen Blogpost, in dem die Fähigkeiten des neuen Claude Code zur Modernisierung der Programmiersprache COBOL hervorgehoben wurden. Das zielt direkt auf das Kerngeschäft von IBM ab, weil COBOL hauptsächlich auf deren Systemen läuft. In der Folge brachen die IBM-Aktien am Montag um 13 Prozent ein – der stärkste Tagesverlust für das Unternehmen seit dem Jahr 2000.
Zusätzliche Nervosität brachte eine Warnung des Risikoexperten Nassim Taleb, der Investoren vor eskalierender Volatilität und möglichen Insolvenzen im Softwaresektor warnte.
Nassim Taleb: Bild von Sarah Josephine Taleb – http://www.fooledbyrandomness.com/pictures.htm
Dass ein literarisches Szenario in Kombination mit einem Blogpost die Märkte derart in den Sturzflug zwingen konnte, kann dabei durchaus als Überreaktion gewertet werden.
Betroffene Branchen im Fadenkreuz der KI
Die Auswirkungen des Ausverkaufs beschränkten sich nicht auf den Softwaresektor, sondern griffen rasant auf weite Teile der Gesamtwirtschaft über. Innerhalb weniger Tage wurden Milliarden an Marktwert in Branchen vernichtet, deren Geschäftsmodell auf der Vermittlung von Diensten, hohen Gebühren durch Informationsasymmetrie oder auf menschlicher Arbeit als Barriere gegen Konkurrenten basiert. Zu den stark betroffenen Unternehmen zählten Versicherungsbroker wie Willis Towers Watson, Vermögensverwalter wie Raymond James und Gewerbeimmobilien-Dienstleister wie CBRE, die historische Kurseinbrüche verzeichneten. Auch der Logistiksektor wurde schwer getroffen, wobei Aktien von Fracht-Brokern wie RXO massiv an Wert verloren.
Darüber hinaus litten Unternehmen, die auf Vermittlungsgebühren und die Gewohnheiten von Konsumenten angewiesen sind. Dazu zählen Plattformen wie DoorDash und Uber Eats, aber auch klassische Finanzakteure wie Mastercard, Visa, American Express und Capital One, die in den Sog des Ausverkaufs gerieten. Die zugrundeliegenden Sorgen bestehen darin, dass KI-Agenten in der Lage sein werden, komplexe Transaktionen ohne menschliche Reibungsverluste und zu einem Bruchteil der Kosten durchzuführen. Das könnte die etablierten Preisstrukturen dieser Unternehmen zerstören.
Sichere Häfen und Profiteure des Wandels
Trotz der branchenübergreifenden Verluste blieben einige Sektoren von der Panik verschont oder profitierten sogar von der Umschichtung des Kapitals. Investoren suchten Zuflucht in Geschäftsbereichen, die materielle Produkte herstellen, eine vorhersehbare Nachfrage aufweisen und nicht von menschlicher Expertise oder hohen Vermittlungsgebühren abhängig sind. So verzeichneten defensive Konsumgüter und Versorgungsunternehmen wie Walmart und Coca-Cola Kursgewinne. Ein weiterer klarer Profiteur ist die KI-Infrastruktur, weil der Aufbau der notwendigen Rechenzentren weiterhin immense Investitionen anzieht. Das kommt insbesondere Energieunternehmen und Betreibern von Rechenzentren wie Equinix zugute
Zudem fand an den Börsen eine breite Umverteilung von hoch bewerteten Wachstumsaktien hin zu günstigeren Substanzwerten (Value-Aktien) statt, weil Investoren in unsicheren Zeiten eine höhere Sicherheitsmarge suchen. Interessanterweise könnten auch Unternehmen mit traditionell geringen Margen und hohen Kosten langfristig als Gewinner hervorgehen, weil sie durch KI-gestützte Produktivitätsschocks Einsparpotenziale realisieren und dadurch ihre Wettbewerbsposition verbessern könnten.
Nachfolgend eine Übersicht der Branchen und Unternehmen, die bei den jüngsten Schwankungen verloren bzw. gewonnen haben:
| Stark betroffene Unternehmen & Branchen | Verschonte oder profitierende Bereiche |
| Software und IT-Infrastruktur (z. B. IBM) | KI-Infrastruktur (z. B. Rechenzentren wie Equinix) |
| Dienstleistungsvermittler (z. B. Willis Towers Watson, CBRE, Raymond James) | Defensive Branchen (z. B. Konsumgüter wie Walmart, Coca-Cola) |
| Finanz- und Zahlungsdienstleister (z. B. Mastercard, Visa, American Express) | Energieversorgung (notwendig für KI-Wachstum) |
| Lieferdienste und Logistik (z. B. DoorDash, Uber, RXO) | Günstige Substanzwerte (Value-Aktien mit niedrigem KGV) |
Jüngste Erholungen und Gegenstimmen
Inzwischen zeigen sich Anzeichen einer Beruhigung. Führungskräfte und Analysten bezeichnen die Marktreaktionen zunehmend als überzogen. Viele Insider argumentieren, dass die Integration von KI ihren Geschäftsmodellen eher nützen als schaden werde. Ein prominentes Beispiel für diese Erholung ist das Design-Softwareunternehmen Figma, dessen Aktienkurs nach starken Quartalszahlen um sechs Prozent stieg und damit den vorherigen starken Jahresverlust teilweise abfedern konnte.
Der CEO von Figma betonte laut einem Bericht auf Yahoo, dass die eigene Strategie funktioniere und das KI-gestützte Tool „Figma Make" für ein enormes Wachstum bei den aktiven Nutzern sorge.
Auch im hart getroffenen Logistiksektor kam es zu Kursgewinnen, wie das Beispiel von C.H. Robinson zeigt. Deren CEO stellte klar, dass das Unternehmen durch seine eigene KI-Integration selbst der Disruptor in der Branche sei und sich nicht von der Technologie verdrängen lasse.
Wall-Street-Analysten wie Dan Ives von Wedbush sehen in den jüngsten Kursrückgängen zudem attraktive Einstiegschancen, beispielsweise im Bereich der Cybersicherheit bei Unternehmen wie CrowdStrike oder Palo Alto Networks, weil KI in diesem Segment für Rückenwind in Richtung künftiges Wachstum sorgen werde.
Die jüngste Herabstufung von Technologieaktien könnte in der Tat übertrieben sein, wenn KI-Lösungen letztlich als nützliches Werkzeug in bestehende Unternehmensabläufe integriert werden und diese nicht vollständig ersetzen.
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